Religion und Nachhaltigkeit

Religion und Glaube – Tempomacher in Richtung Nachhaltigkeit

Expedition: Religion & Nachhaltigkeit
Projektname: Triebkräfte der Transformation

Religion verbindet Menschen, ihr Glaube bringt sie zusammen, um gemeinsam Gesellschaft zu gestalten. Dies gilt besonders in jenen Regionen der Welt, in denen religiöse Gemeinschaften die wichtigsten Institutionen vor Ort sind. Können Gemeinden dort zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen? Und wenn ja, welche Rolle spielen Religion und Religiosität in diesem Veränderungsprozess? Diese Fragen wollen WissenschaftlerInnen am Forschungsbereich Religiöse Gemeinschaften und nachhaltige Entwicklung (RCSD) beantworten.

Steigt in Krisenzeiten wie jetzt in der Corona-Pandemie das Bedürfnis der Menschen nach Glaube und Religion? Diese Annahme ist verbreitet, wissenschaftlich eindeutig belegt ist sie bisher nicht. Wenn die katholische Kirche in Österreich für das Jahr 2020 weniger Kirchenaustritte meldet als im Jahr zuvor, heißt das also noch nicht, dass Religion in Krisenzeiten wichtiger wird. Eine andere Frage ist, inwieweit Religion und Religiosität helfen können, globale Krisen zu bewältigen. Kann Religion ein Motor sein auf dem Weg in eine nachhaltige Zukunft?

Für Philipp Öhlmann steht das außer Frage. „Bei Nachhaltigkeit geht es um eine ganz grundlegende Transformation, einen Bewusstseinswandel, der mit veränderten Einstellungen und Verhaltensänderungen einhergeht“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler. „Und für solche Werteverschiebungen kann Religion eine wichtige Ressource sein“. Das gelte ganz besonders für Länder, wo Religion und Gemeindeleben den Alltag der Menschen prägen. Deshalb erforscht er gemeinsam mit der Religionswissenschaftlerin Marie-Luise Frost, dem Theologen Ekkardt Sonntag und weiteren KollegInnen am Forschungsbereich Religiöse Gemeinschaften und nachhaltige Entwicklung diese Frage am Beispiel von Ländern Subsahara-Afrikas und des Nahen Ostens.

In dem 2020 gestarteten Forschungsprojekt Triebkräfte der Transformation - Religiöse Gemeinschaften als Gestalter nachhaltiger Entwicklung, das vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gefördert wird, soll die Frage auf der Ebene des Individuums, der Gemeinschaft und der Institution untersucht werden: Inwieweit werden Einzelne motiviert, ihr Verhalten zu ändern? Wie wird dies durch die Religion und die Gemeinschaft motiviert? Wie agieren die religiösen Gemeinschaften als Institutionen? Eine der Ausgangshypothesen der ForscherInnen ist, dass das Thema ökologische Nachhaltigkeit eher eine untergeordnete Rolle spielt, während Fragen der Ernährung und der Bildung umso stärkere Beachtung finden.

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Forschung zu religiösen Gemeinschaften in Subsahara-Afrika

In Südafrika, Ghana, Nigeria, Burkina Faso, Kenia, Uganda und Tansania befragten die Forscher*innen Gemeindeoberhäupter nach ihren Aufgaben und Zielen, besuchten Gemeinden und Gottesdienste. Die meisten der untersuchten religiösen Gemeinschaften waren sogenannte African Initiated Churches. Das sind Kirchen, die sich seit Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge der Unabhängigkeitsbewegungen in den Ländern Subsahara-Afrikas von den katholischen oder evangelischen Missionskirchen abgespalten haben oder die neugegründet wurden. Mit Beginn der 1970er Jahre waren das vor allem Pfingstkirchen. Sie sind derzeit die am stärksten wachsenden kirchlichen Gemeinden in Afrika und versammeln etwa ein Drittel der christlichen Bevölkerung.

Gesellschaftliches Engagement der African Initiated Churches

Die erste Auswertung der Interviews mit Gemeindeoberhäuptern deutet darauf hin, dass nicht ökologische Nachhaltigkeit, sondern tatsächlich sozioökonomische Ziele im Vordergrund stehen. „Es geht um das tägliche Brot, das Dach über dem Kopf, aber auch um Bildung“, sagt Philipp Öhlmann. Dies gelte für christliche wie muslimische Gemeinden. „Zu den traditionellen Aufgaben der African Initiated Churches gehören Armenspeisungen, Bildung für Waisenkinder oder die Unterstützung von Menschen, damit diese ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten können“, so Öhlmann. Doch das gesellschaftliche Engagement gehe weit über alltägliche karitative Aufgaben hinaus. So hat etwa eine der größeren unabhängigen Kirchen, die Church of Pentecost in Ghana, die Pentecost University in Accra gegründet, wo heute Zehntausende studieren. Die Zion Christian Church finanziert Krankenstationen in Südafrika – es ist die größte und am stärksten wachsende unabhängige Kirche in dem Land.

Neben diesen soziökonomischen Belangen werden aber auch Fragen der ökologischen Nachhaltigkeit wichtiger, meint Philipp Öhlmann und hat Beispiele parat. „Wir beobachten einen Paradigmenwechsel. Der Dachverband der unabhängigen Kirchen, betreibt in Ostafrika beispielsweise ein Programm zur Förderung nachhaltiger Landwirtschaft.“ Und in Südafrika habe sich der Bischof der Zion Christian Church 2019 erstmals zur ökologischen Nachhaltigkeit geäußert und das Thema damit innerhalb seiner Kirche auch an zentraler Stelle theologisch verankert.

Nachhaltige Entwicklung spirituell interpretiert

Ähnlich wie Kirchen und Gläubige seit den 1970er Jahren in Deutschland ihren Wunsch nach Umweltschutz und ökologischer Nachhaltigkeit in der Formel „Die Schöpfung bewahren“ ausdrücken, sind die Aktivitäten und Ziele der unabhängigen afrikanischen Kirchen in einen religiös-spirituellen Kontext eingebettet. Ein Beispiel dafür ist das „Prosperity Gospel“, das vor allem in den Pfingstkirchen gepredigt wird und in dessen Rahmen beispielsweise Unternehmensgründungsseminare abgehalten werden. „Nach dem Prosperity Gospel ist es Gottes Wille, dass Gläubige materiellen Wohlstand erfahren. Bildung und Eigeninitiative werden hier stark betont“, sagt Philipp Öhlmann. Eine spannende aber noch unbeantwortete Frage sei, in welcher Art und Weise sich diese Theologie und diese Aktivitäten der Kirchen konkret auf das Leben und Handeln ihrer Mitglieder auswirken.

Geschlechtergerechtigkeit in Kirchengemeinden

Dass die spirituelle Dimension eine starke Kraft entfalten kann, zeigt sich nach Ansicht von Marie-Luise Frost bei der Frage der Geschlechtergerechtigkeit. „Frauen haben immer wieder eigene Kirchen gegründet“, sagt die Religionswissenschaftlerin. „Sie folgen einem ‚Ruf Gottes‘, der häufig mit spirituellen Erfahrungen, etwa Visionen oder außerkörperlichen Erfahrungen einhergeht. Darauf begründen diese Frauen ihre Legitimität in einem oftmals von Männern dominierten Kontext.“ Die meisten der Anfang des 20. Jahrhunderts von Frauen gegründeten Kirchen werden jedoch inzwischen von Männern geleitet. Ob sich diese Entwicklung bei den jüngeren Neugründungen wiederholen wird, bleibt abzuwarten. Beispielhaft für diese Generation von Kirchengründerinnen steht die nigerianische Pastorin Atinuke Abdulsalami, die in den 1990er Jahren die Divine Salvation Bible Church begründete und bis heute selbst leitet. Als eine von mehreren Geistlichen der unabhängigen Kirchen Afrikas wurde sie von den ReligionsforscherInnen der HU zu Vorträgen und Konferenzen an die Theologische Fakultät eingeladen. „Uns ist wichtig, dass sie ihre Perspektive hier auch selbst präsentieren können“, betont Marie-Luise Frost.

Frauen als Kirchengründerinnen

Dass Kirchen, die von Frauen gegründet oder geleitet werden auch besonders viel für die Gleichberechtigung der Geschlechter tun, ist dabei kein Automatismus. „Einige Kirchengründerinnen und -leiterinnen treten zwar gegen die Diskriminierung von Frauen ein, bestärken sie, leitende Funktionen innerhalb und außerhalb der Kirche zu übernehmen oder finanziell unabhängig zu werden. Die Tatsache, dass eine Kirche von einer Frau gegründet wurde, führt aber keinesfalls zwangsläufig dazu, dass sie sich in besonderem Maße für Geschlechtergerechtigkeit einsetzt“, meint Marie-Luise Frost. Das Rollenverständnis sei in den allermeisten Kirchen traditionell. Auch in den Interviews bewerteten die Kirchenleitenden durchgehend das Nachhaltigkeitsziel Geschlechtergerechtigkeit als weit weniger wichtig als Armut zu bekämpfen oder Ernährung, Gesundheit und Bildung zu sichern. „Wir haben in den Interviews aber auch nach den Aktivitäten gefragt, und da wurde häufig die Unterstützung von Witwen genannt“, so Frost. Witwen gehören meist zu den besonders benachteiligten Personen in den Gesellschaften Subsahara Afrikas.

Um sich ein vollständigeres Bild von gelebter nachhaltiger Entwicklung in religiösen Gemeinschaften machen zu können, wollen die Wissenschaftler*innen im nächsten Schritt ihre Forschung auf Länder im Nahen Osten ausdehnen. Der Theologe Ekkardt Sonntag wird, sobald es die Corona-Pandemie erlaubt, Interviews im Libanon und im Irak führen. „Im Libanon ist die Debatte um Geschlechtergerechtigkeit in zivilrechtlichen Fragen wie Erbschaft und Sorgerecht in der Öffentlichkeit gerade virulent“, sagt Sonntag. „Es wird interessant sein zu sehen, wie sich Religionsleitende dazu verhalten.“

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