Wege aus dem Hunger

Expedition: Sahelzone
Projekt: NutriGreen

Können der Moringabaum oder der Baobab Hunger und Armut in der Sahelzone lindern? Das erforscht die Wissenschaftlerin Silke Stöber mit einem Forschungsteam und den Menschen vor Ort im Projekt „NutriGreen“.

Das Leben der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in Burkina Faso ist hart und arbeitsreich. Der karge Boden wird mit der Hand beackert, Landmaschinen gibt es kaum. Wer Glück hat, besitzt einen Esel, den er vor den Pflug spannen kann. Die Felder sind nur wenige Hektar groß und können nur in der Regenzeit bestellt werden, die im Mai beginnt und im Oktober endet. Im November werden Hirse, Sorghum und Mais geerntet – es sind die Grundnahrungsmittel der Bevölkerung und gleichzeitig Güter für den Handel.

Die Forscherin Silke Stöber in Burkina Faso, mit Samen des Baumes Parkia globosa. Aus ihnen wird unter anderem das vitamin- und proteinreiche Gewürz Soumbala hergestellt.

Die Agrarökonomin Silke Stöber vom Seminar für Ländliche Entwicklung (SLE) ist gerade von einem zweiwöchigen Besuch im Zentralplateau in der Mitte des Landes, nördlich der Hauptstadt Ouagadougou, zurückgekehrt. Jetzt, im September, sind die Bäume in der Region noch grün, die Hirse und der Mais auf den Feldern stehen hoch. Bald beginnt die Ernte. Doch gerade diese Zeit ist für die Menschen hier besonders hart: „Das ist normalerweise die Hungersaison“, erklärt Silke Stöber. „Denn die Speicher sind leer und die nächste Ernte noch nicht reif.“

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Armut herrscht vor allem auf dem Land

Wie den Menschen aus den ländlichen Gebieten in Burkina Faso, geht es weltweit Millionen von Kleinbauern. „Es sind gerade die Nahrungsmittelproduzenten, die zugleich hauptsächlich von Hunger betroffen sind“, erklärt Silke Stöber. „Armut und Hunger sind ein überwiegend ländliches Problem.“ Klimawandel und Bevölkerungswachstum verschärfen die Nöte. Die Agrarökonomin untersucht im EU-geförderten Forschungsprojekt „NutriGreen“ gemeinsam mit Forschenden aus Burkina Faso, Deutschland, dem Senegal und Schweden, wie die Kleinbäuerinnen vor Ort über neue gesunde Produkte ihr Einkommen verbessern können. Das Ziel des Projekts ist es, über innovative Produkte aus indigenen nährstoffdichten Früchten und Blättern Hunger und Armut in den Modellregionen der Sahelzone zu lindern. Die Forscherinnen und Forscher setzen dabei auf traditionelle Nahrungsmittelpflanzen, die von der Forschung und der Politik aber oft vernachlässigt werden.

Produkte aus traditionellen Nutzpflanzen: Das Gewürz Soumbala und getrocknete Moringablätter. Foto: Silke Stöber

Der Moringabaum ist so eine Pflanze. Sie ist heimisch und kommt mit den trockenen Bedingungen und dem kargen Boden in der Sahelzone gut zurecht. Die gefiederten Blätter können frisch verwendet oder getrocknet werden. „Etwas bitter, aber lecker scharf und würzig“, schildern die lokalen Expertinnen und Experten den Geschmack der Pflanze. „Man wird davon nicht satt, aber zusammen mit Grundnahrungsmitteln wie Hirse oder Mais hat man ein sehr vitaminreiches, nahrhaftes Essen, das alle wichtigen Mikronährstoffe enthält.“ Essen, angereichert mit Moringa könnte der weit verbreiteten Mangelernährung entgegenwirken. Vor allem an Vitamin A und Eisen fehlt es den Menschen. Moringa enthält beides reichlich. Außerdem können die frischen oder getrockneten Blätter auf dem Markt verkauft und sind damit eine Einnahmequelle für die kleinbäuerlichen Familien.

Die getrockneten Blätter des Baobab-Baumes werden ebenfalls traditionell genutzt und hier auf dem Markt verkauft. Foto: Silke Stöber

Und noch ein Argument spricht dafür, dem Blattgemüse mehr Raum als bisher einzuräumen: Vor allem Frauen kümmern sich um die Kulturen, denn für Anbau, Ernte und Verarbeitung wird nicht so viel Körperkraft benötigt wie für die Arbeit auf den Mais- oder Hirsefeldern. Für die Frauen, die keine Landrechte besitzen, bieten die traditionellen Nutzpflanzen Chancen auf ein zusätzliches Einkommen und mehr Unabhängigkeit.

Neue Einkommensquellen mit Hibiskus oder Baobab

"Es gibt in Burkina Faso höchst spannende kollektive Organisationsformen wie etwa lokale Kooperativen, die den Anbau von Moringa vorantreiben", erzählt Silke Stöber, die auf ihrer Reise eine solche kleinbäuerliche Kooperative und ihre Gärten besucht hat und erstaunt war: „Die jungen Bäumchen stehen dicht an dicht in einem eingezäunten Garten und werden drei Jahre lang von den Mitgliedern der Kooperative beerntet. So gibt es ein kleines Einkommen für die Frauen. Das Beste ist aber die Nachnutzung: Nach drei Jahren lässt der Blattertrag nach und so werden sie in die trockene Sahelzone gepflanzt, wo sie zur Begrünung des Sahels beitragen.“ Der Anbau von Moringa könnte mit diesem System nicht nur den Hunger, sondern auch der voranschreitenden Wüstenbildung entgegenwirken. Im kleinen Rahmen hat sich die Methode bisher etabliert und gut bewährt – und könnte zu einem Vorbild für einen erweiterten Anbau des Baumes werden.

Ein typischer Acker in Burkina Faso: Hier wird Sesam angebaut, das Furchensystem leitet das Wasser sehr effizient zu den Pflanzen. Foto: Silke Stöber

Zusammen mit den lokalen Bäuerinnen möchte das Forschungsteam in den kommenden drei Jahren Strategien entwickeln, die Moringaproduktion anzukurbeln und neue Wege der Verarbeitung und Vermarktung zu finden. Auch Baobab, Hibiskus und Cassia – ebenfalls traditionelle Nutz- und Nahrungspflanzen – wollen die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern künftig vermehrt anbauen und vermarkten. Gemeinsam mit den Forschenden entwickeln sie dafür neue Produkte und Businessmodelle – etwa einen vitaminreichen Saft aus Hibiskusblüten – um neue Einkommensmöglichkeiten zu finden. Einmal in der Woche soll es ab dem kommenden Jahr Klimafeldschulen geben, in denen alle gemeinsam auswerten, was auf den Feldern geschieht. Wie viel Ertrag geben die Bäume? Gibt es Probleme mit Krankheiten oder Insekten? Wie optimiert man die Trocknung der Blätter?

Gemeinsam mit den Menschen forschen

Neu ist auch, dass die Bäuerinnen und Bauern ihre eigenen Wetterdaten erheben sollen. „Agrarmeteorologisches Lernen“, nennt es Silke Stöber. Täglich werden Temperaturmaximum und – minimum sowie die Niederschlagsmenge gemessen. „Es gibt immer mehr Hitzetage mit über 35 Grad Celsius“, schildert die Agrarökonomin. „Der Bedarf an Bewässerung nimmt zu.“ Wenn das Wetter genau beobachtet wird, können die Kleinbäuerinnen und -bauern schneller und gezielter auf solche Situationen reagieren und ihre Flächen besser managen, um die Erträge zu steigern. Nach zwei Jahren sollen die gemessenen Werte ausführlich ausgewertet und mit historischen Daten abgeglichen werden. Die beteiligten Landwirte aus der Projektregion werden so Teil eines Citizen Science-Projekts.

In Workshops lernen die Farmerinnen und Farmer, wie sie die traditionellen Nutzpflanzen noch besser anbauen und vermarkten können. Foto: Silke Stöber

Traditionelles Wissen über agrarökologische Zusammenhänge und eine hohe Biodiversität gehören zu den Stärken Burkina Fasos. Andererseits ist es ein armes Land, wo es an vielem mangelt, vom dürreresistenten Saatgut von hoher Qualität, über den Zugang zu Wasser bis hin zu ländlicher Infrastruktur wie Brunnen oder moderne Landmaschinen. Auf dem Wohlstandsindex der Vereinten Nationen belegt das Land von 189 Nationen Platz 182. Wie groß Armut und Hunger hier sind, ermitteln die Forschenden parallel zu den anderen Arbeiten mithilfe einer standardisierten Haushaltserhebung. Gezielte Fragen zur Ernährungssicherheit - darunter etwa „Gab es in den letzten vier Wochen einen Tag, an dem Sie oder Ihre Haushaltsmitglieder ohne Mahlzeit zu Bett gegangen sind?“ – geben Auskunft darüber, wie prekär die Nahrungsmittelsicherheit der Haushalte wirklich ist. Durch die standardisierten Fragen erhalten die Forschenden ein rasches und mit anderen Regionen vergleichbares Ergebnis.

Für Silke Stöber ist klar: Die traditionellen Formen der Landwirtschaft in Ländern wie dem Senegal oder Burkina Faso genügen heute nicht mehr, die wachsende Bevölkerung zu ernähren und den sich ändernden Klimabedingungen zu trotzen. Ihre Forschung versteht sie als Dienstleistung und Hilfsmittel, um Lösungen zu finden, die den Menschen weiterhelfen. „Wir dürfen nicht abgekoppelt von der Praxis forschen, wir müssen lösungs- und entwicklungsorientiert wirken“, sagt sie. Und noch etwas ist ihr wichtig: „Wir wollen nicht mehr über die Menschen, sondern nur noch mit ihnen gemeinsam forschen. Das verstehen wir als Möglichkeit, als Forschende die Lösungskapazitäten der Menschen vor Ort zu unterstützen, indem wir community-driven research – also co-research – fördern.“

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