Klimakrise auf dem Spielbrett

Expedition: Klimaspiel
Projektname: Keep Cool

Eine Landkarte, sechs Spielerinnen und Spieler, jede Menge schwarze und grüne Fabriken und die Klimakrise im Hintergrund. Wer kann zuerst seine wirtschaftlichen und politischen Ziele erreichen und gewinnen, ohne den Klimakollaps auszulösen? Mit „Keep Cool“ entwickelten Forschende ein Spiel über den Klimawandel – und vermitteln, wie er zu stoppen ist.

Gleich in der ersten Runde schlägt die Katastrophe zu: „Dürre in Indien“ zeigt die gezogene Karte an. Und das kann teuer werden. Ob das Ereignis tatsächlich eintritt, muss aber erst durch einen Würfelwurf bestimmt werden. Der Spieler würfelt eine Vier – und hat damit den Schwellenländern die Dürre erspart. Denn noch sind die Klimarisiken gering. Nur bei einer Eins, Zwei oder Drei wäre der Monsun ausgeblieben, hätte die Dürre die Ernte auf den Feldern vertrocknen lassen. Im Verlauf des Spiels wird sich das ändern.

Das Klimaspiel Keep Cool, Foto: Falk Weiß

Nochmal Glück gehabt, das Spiel geht weiter. Die USA und ihre Partner sind an der Reihe und erhalten für jede Fabrik, die ihnen gehört, Einkommen. Fünf schwarze Fabriken stehen auf dem Feld. Es sind richtige Dreckschleudern, die mit fossilen Ressourcen arbeiten und jede Menge Treibhausgase produzieren. Pro Fabrik gibt es zwei schwarze Kohlechips – die Währung des Spiels. Fein säuberlich sind sie auf dem „Karbometer“ gestapelt und werden von dort entnommen. Aber Achtung: Die Menge an Chips aus dieser Quelle ist begrenzt. Je leerer das „Karbometer“ wird, desto wärmer wird es auf der Erde. Für die einzige grüne Fabrik, die mit erneuerbaren Energien arbeitet, gibt es ebenfalls zwei Chips – diesmal jedoch aus dem klimaneutralen Vorratsstapel. Zum Schluss bauen die USA eine neue Fabrik – und zwar eine schwarze, denn die ist billiger als eine grüne.

Ein Spiel mit wissenschaftlichen Grundlagen

„Es hat alles zufällig in einer Kneipe begonnen“, erinnert sich der Mathematiker und Ressourcenökonom Klaus Eisenack. „Ich war damals, Anfang der 2000er Jahre, neu am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung und saß mit einem Kollegen zusammen.“ Im Gespräch stellten die Klimaforscher fest: Wir sind beide Brettspiel-Enthusiasten. Doch damit nicht genug: In beiden reifte schon länger die Idee heran, das Thema Klimawandel einmal spielerisch zu bearbeiten und ein Brettspiel zu entwickeln, das naturwissenschaftliche, politische und wirtschaftliche Aspekte aufgreift. „Es ging uns darum, einen neuen Zugang zum Thema zu schaffen, abseits von Ignoranz auf der einen und Angst auf der anderen Seite“, sagt Klaus Eisenack. „Aber auch ohne erhobenen Zeigefinger.“

Das Klimaspiel Keep Cool, Foto: Falk Weiß

Gesagt, getan: 2004 erschien mit dem Klimaspiel „Keep Cool“ das Ergebnis der ursprünglichen Kneipenidee. Die Weltkarte auf dem Spielbrett ist in verschiedene Territorien aufgeteilt. Drei bis sechs Spieler übernehmen Ländergruppen wie die Schwellenländer, Europa oder die OPEC, die – konfrontiert mit dem Klimawandel – handeln müssen und dabei eine geheime politische Agenda verfolgen. Gelingt es der Weltgemeinschaft, die Erderwärmung zu stoppen? Sind wirtschaftliche Interessen wichtiger als Klimaschutz? Und wie verhandeln die globalen Partnerinnen und Partner miteinander, um ihre jeweiligen politischen und wirtschaftlichen Ziele zu erreichen? „Es gibt unterschiedliche Voraussetzungen für die einzelnen Spieler, die den reellen Verhältnissen entsprechen“, erklärt Klaus Eisenack das Spielkonzept. So sind die schwarzen Fabriken in Schwellenländern billiger als in den Industrienationen, gleichzeitig besitzen die ärmeren Länder zu Beginn des Spiels weniger Fabriken. Damit es sich lohnt, in grüne Fabriken zu investieren, muss die Weltgemeinschaft erst einmal in die Entwicklung neuer Technologien investieren. Wissenschaftlich korrekt und im Spiel nachempfunden ist auch die Tatsache, dass die Kosten für Klimafolgen in Zukunft rapide steigen werden.

Anpassen oder untergehen

Runde um Runde versuchen die Spielenden, möglichst viel Einkommen zu generieren und Fabriken zu bauen. Das Kohlenstoffbudget auf dem „Karbometer“ nimmt dabei bedenklich ab. Inzwischen hat sich das Weltklima von blau über gelb auf orange erhitzt. Damit steigt auch die Wahrscheinlichkeit für Klimakatastrophen und Naturrisiken. „Versteppung in Amazonien“, „Ernteausfälle in den USA“, „Erdrutsche in Venezuela“ oder „Hitzewelle in Südeuropa“ sind nun Ereignisse, die nicht mehr nur dann eintreffen, wenn der Würfel ein, zwei oder drei Augen zeigt. Zeigt das „Karbometer“ orange, kann nur eine gewürfelte Sechs die Katastrophe abwenden. Außerdem sind die Klimafolgen teurer geworden: Statt zwei Kohlechips für „Busch- und Waldbrände in Australien“ werden nun sieben Kohlechips fällig.

Politische Ziele sind geheim beim Klimaspiel Keep Cool, Foto: Falk Weiß

Auf dem Spielbrett tauchen jetzt immer mehr rote Schutzsteine auf. Sie kosten Geld, senken aber die Folgekosten der Naturkatastrophen. In der nächsten Runde erwischt es wieder die Schwellenländer: Eine Malariaepidemie kostet vier Kohlechips – und übersteigt damit das vorhandene Budget des Spielers. Zum Glück hat er rechtzeitig in rote Schutzsteine investiert und kann die Kosten mit ihnen halbieren.

„Das spiegelt tatsächlich den aktuellen Diskurs wider“, erklärt Klaus Eisenack. „Je eher man in Schutz vor Klimafolgen investiert, desto länger hat man was davon.“ In der Klimadebatte geht es grundsätzlich um zwei Konzepte, um der Erderwärmung entgegenzutreten: Mit „Mitigation“ bezeichnen Fachleute alle Maßnahmen, die die Treibhausgasemissionen reduzieren und so die Erwärmung aufhalten sollen. Unter „Adaptation“ werden alle Maßnahmen zusammengefasst, die die bereits eingetretenen Folgen des Klimawandels abpuffern – etwa Hochwasserschutzmaßnahmen oder Bewässerungssysteme in der Landwirtschaft. Während schon seit den 90er Jahren intensiv darüber debattiert wird, wie Treibhausgasemissionen reduziert werden können, kommt die Diskussion über Anpassung erst allmählich in Gang. „Das wurde lange vernachlässigt“, bestätigt Klaus Eisenack. „Deutschland etwa hat die Entwicklung einer Anpassungsstrategie erst 2008 gestartet.“

Trittbrettfahrer und Klimaskeptiker

Das Klima erwärmt sich weiter, auf dem „Karbometer“ sinkt das verfügbare Kohlenstoffbudget rapide und ist nun im roten Bereich – auf der höchsten Stufe – angekommen. Die USA und ihre Partner versuchen, das Ruder herumzureißen. Denn wenn alle Kohlechips verbraucht sind, haben alle verloren. Die verbliebenen schwarzen Fabriken auf dem Territorium der USA und ihrer Partner werden abgerissen, es wird in Innovationen für grüne Fabriken investiert, um die Kosten für klimafreundliche Fabriken zu senken. Davon profitieren alle anderen Spielerinnen und Spieler ebenfalls, denn weltweit sinken die Kosten für grüne Technologien. Europa beteiligt sich trotz Bitte der USA nicht an den Investitionen – haben dort etwa Erdöllobbyisten im Hintergrund die Fäden in der Hand, die das Ziel verfolgen, möglichst viele schwarze Fabriken zu errichten? Oder ist Europa ein Trittbrettfahrer und profitiert auf Kosten der anderen?

Nicht immer gewinnt derjenige, der am klimafreundlichsten handelt, Foto: Falk Weiß

„Das Trittbrettfahrerproblem ist ein ganz zentrales Problem – nicht nur im Spiel, sondern auch in der realen Klimapolitik“, erklärt Klaus Eisenack. Wenn die Kosten des Klimaschutzes ungleich verteilt sind, führe das nicht nur zu Ungerechtigkeiten, sondern viele Akteure und Regierungen seien auch gar nicht erst motiviert, zum Klimaschutz beizutragen. „Da gehen auch im Spiel manchmal die Emotionen hoch“, sagt der Forscher und lacht. Am Ende entscheidet Europa das Spiel für sich – es hat schneller als alle anderen seine Ziele erreicht. „Am Spieltisch werden die Mechanismen deutlich, man kann aber auch den Lauf der Dinge beeinflussen und verändern“, erklärt Klaus Eisenack. „Die Leute haben es selbst in der Hand, was am Ende herauskommt.“ Bei Keep Cool gewinnt nicht automatisch derjenige, der am meisten für das Klima tut, sondern derjenige, der am schnellsten seine Ziele erreicht. Ob es Katastrophenhilfe für ärmere Länder, geteilte Gewinne oder gemeinsame Investitionen gibt – all das ist verhandelbar. Dabei gibt es durchaus auch „Bösewichte“, die grüne Fabriken sabotieren oder maximalen Profit aus dreckigen Technologien schlagen wollen. „Wir haben die realen Probleme des Klimawandels so eingebaut, dass sie in vereinfachter Form von den Spielenden reproduziert werden“, erklärt Klaus Eisenack. Das Wissen über solche Mechanismen kann er in moderierten Spielrunden in Schulen, bei NGOs oder auf Fortbildungsseminaren gezielt vertiefen und weitervermitteln.

Spielen für den Wandel

Überraschenderweise scheint das Spiel besonders auf diejenigen nachhaltig zu wirken, die im Spiel eine klimaschädliche Rolle übernehmen. Das stellten die Forschenden in einer Studie mit über 200 Schulkindern fest. Vor und nach dem Spiel erfragten sie die Einstellung der zwischen 13 und 16 Jahre alten Jugendlichen zum Klimawandel. Außerdem beobachteten sie das Verhalten der Schülerinnen und Schüler während des Spiels. Im Durchschnitt stieg bei allen Jugendlichen die Einschätzung, dass es in ihrer Verantwortung liegt, dem Klimawandel zu begegnen. Gleichzeitig wurden sie optimistischer bezüglich wirksamer internationaler Klimapolitik in der Zukunft. Besonders stark zeigte sich das jedoch bei denjenigen, die im Spiel eine klimaschädliche Rolle einnahmen und viele schwarze Fabriken bauten.

Ressourcenökonom und Spieleentwickler Klaus Eisenack, Foto: Falk Weiß

Inzwischen denken Klaus Eisenack und sein Team über eine Aktualisierung des Spiels, das bereits in der vierten Auflage erschienen ist, nach. „Heute haben wir andere Verhältnisse als 1990, die damals die Grundlage für das Spielkonzept waren“, betont er. „Schwellenländer wie Indien oder China sind stärker geworden, und das „Karbometer“ muss zu Beginn schon leerer sein.“ Auch eine neue Spielidee hat der Forscher bereits im Hinterkopf: „Wir werden, eingebettet in ein größeres Forschungsprojekt, ein Spiel zum Wassermanagement in Berlin und Brandenburg machen.“ Das neue Spiel soll Menschen zusammenbringen, die ganz verschiedene Expertisen besitzen. Forschende, Experten aus dem Hochwasserschutz, Wasserversorger, Naturschützerinnen oder Anwohner sollen mithilfe des Spiels gemeinsam neue Ideen entwickeln, um Dürren, Starkregen oder abnehmende Grundwasserspiegel gut zu managen. Denn: „Spiele können verbinden und ein Motor für gesellschaftliche Veränderungen sein“, ist Klaus Eisenack überzeugt.

Keep Cool ist nicht nur als Brettspiel verfügbar, sondern kann auch online gespielt werden.

  • Auf dem Campus Nord; Foto: Falk Weiß
  • Auf dem Campus Nord; Foto: Falk Weiß
  • Auf dem Campus Nord; Foto: Falk Weiß

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