Wenn die Kohle nichts mehr wert ist

Expedition: Finanzmärkte und Klimapolitik
Projektname: FoReSee

Der Klimawandel fordert Politik, Wirtschaft und Finanzmärkte heraus. Forschende der HU, des ifo Instituts und des DIW sind auf der Suche nach dem besten Weg durch die Klimakrise, der allen Akteuren gerecht werden kann.

Manchmal erfordert Wissenschaft ein wenig detektivischen Spürsinn. Zumindest benötigt Angelika Vogt bei ihrer Arbeit ähnlich viel Geduld und Aufmerksamkeit fürs Detail. Der Computer und umfangreiche Datensätze sind die wichtigsten Werkzeuge der Klimaökonomin. Damit deckt sie allerdings keine Verbrechen auf, sondern erforscht in ihrer Promotion, wie sich mögliche Maßnahmen der Klimapolitik auf weltweit tätige Energiekonzerne und Unternehmen auswirken können.

Heizkraftwerk Rummelsburg, Foto: Falk Weiß

(© Foto: Falk Weiß)

„Ich schaue mir Daten von Kohlekraftwerken an“, erklärt sie. „Wo stehen sie? Wem gehören sie? Besitzen diese Unternehmen noch andere Anlagen? Und zu welchen Konzernen gehören sie? Welche Unternehmen wären von einer Abschaltung betroffen?“ Für ihre Forschungsfragen muss sie außerdem ermitteln, wie viele Emissionen die einzelnen Kraftwerke ausstoßen und wie alt sie sind. Denn je älter, desto ineffizienter arbeiten sie und desto weniger gut sind sie geeignet für technische Nachbesserungen. Viele Arbeitsstunden sitzt sie am Computer, um alle notwendigen Informationen zusammenzutragen und mit einem mathematischen Modell zu analysieren, wie sich unterschiedliche Maßnahmen der Klimapolitik auf die Eigentümerinnen und Eigentümer der Werke auswirken. Am Ende sollen die Ergebnisse zeigen, welche Maßnahmen des Klimaschutzes für alle Beteiligten die geringsten negativen Auswirkungen haben und die Emissionen am effektivsten senken.

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Wer gewinnt, wer verliert?

Das Forschungsvorhaben von Angelika Vogt ist Teil des Verbundprojekt „FoReSee“. Darin untersuchen Forschende der Humboldt-Universität zu Berlin (HU), des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung an der Universität München und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin gemeinsam, welche Verteilungswirkungen Klimapolitik hat und welche Akteure dabei gewinnen und welche verlieren.

„Die Finanzmärkte spielen für den Klimaschutz eine wichtige Rolle“, betont Projektleiter Achim Hagen, Klimaökonom an der HU. Denn um die Wirtschaft auf nachhaltige Füße zu stellen, muss sie grundlegend transformiert werden. Für den Umbau müssen hohe Geldsummen fließen und gleichzeitig entstehen finanzielle Risiken. „Wenn wir auf eine klimafreundliche Wirtschaftsweise umsteigen, werden bestimmte Unternehmen und Technologien Marktanteile und Wert gewinnen. Andere werden nicht mehr konkurrenzfähig sein“, sagt Achim Hagen. Zu den Gewinnern dürften Unternehmen aus dem Bereich der E-Mobilität oder der erneuerbaren Energien zählen. Kohlekraftwerke, die ihre geplante Nutzungsdauer durch den Kohleaussteig nicht erfüllen werden, verlieren dagegen an Wert. Wer in solche Unternehmen investiert hat, muss also mit hohen Verlusten rechnen. Der Fachbegriff für solches Eigentum, dessen Marktwert unerwartet drastisch sinkt oder das sogar völlig wertlos wird, lautet „Stranded Asset“ – gestrandetes Vermögen. Wie sich die Eigentümerinnen und Eigentümer dieses Vermögens verhalten, kann großen Einfluss auf die Klimapolitik haben.

Klimaökonom Dr. Achim Hagen, Foto: Falk Weiß

Was kosten Klimaschäden?

Viele Vermögenswerte, die das Potenzial haben, zu einem „Stranded Asset“ zu werden, lagern tief unter der Erde: Lagerstätten von Stein- und Braunkohle, Erdöl oder Erdgas versprechen hohe Einnahmen für denjenigen, der sie erschließt und die fossilen Reserven verkauft. Zugleich ist ein Abbau mit den internationalen Klimazielen nicht zu vereinbaren. „Um die globale Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, müssten 90 Prozent der weltweiten Kohlereserven im Boden bleiben“, erklärt Achim Hagen.

Erdöl oder Regenwald – so lässt sich der Konflikt um den Nationalpark Yasuní zusammenfassen, der das Dilemma auf den Punkt bringt: Rund 1,7 Milliarden Barrel Rohöl lagern hier unter einem der artenreichsten Gebiete der Erde. Im Jahr 2007 schlug der damalige Präsident Rafael Correa den Vereinten Nationen einen Deal vor: Ecuador würde bestimmte Fördergebiete verschonen und damit auf Einnahmen in Höhe von 7,2 Milliarden Dollar verzichten. Der Regenwald als CO2-Speicher, grüne Lunge und Lebensraum zahlloser Arten bliebe erhalten. Im Gegenzug forderte Ecuador die Hälfte der entgangenen Einnahmen von den UN, die in einen Treuhandfond fließen und für die Förderung alternativer Energien genutzt werden sollten. Das Vorhaben scheiterte und 2016 gingen die ersten Ölbohrplattformen im Naturparadies in Betrieb.

Die Forschungsarbeit beginnt mit einer Skizze. Foto: Falk Weiß

Das Beispiel zeigt, wie eng wirtschaftliche Interessen und Klimaschutz miteinander verwoben sind. Und auch, dass es höchste Zeit wird, nicht nur die erwarteten Gewinne, sondern auch die entstehenden Klimaschäden in die Rechnung einzubeziehen. „Im Prinzip ist CO2 ein Schadstoff, den wir, so gut es geht, vermeiden müssen“, sagt Achim Hagen. Aber im Gegensatz zu vielen anderen Schadstoffen wirkt das Treibhausgas global und mit Zeitverzug – erst in Jahrzehnten werden die Auswirkungen der heutigen Emissionen spürbar sein. Die gesellschaftlichen Folgen eines CO2-Preises oder anderer Klimaschutzmaßnahmen sind dagegen sofort zu spüren. Konkrete Maßnahmen werden daher oft hinterfragt und sind mitunter wenig akzeptiert.

Daten als Argumentationshilfe

Mit mathematischen Modellen bringen Angelika Vogt, Achim Hagen und die anderen Forschenden von „FoReSee“ nun fehlende Daten in die Debatte: Welche Folgen hätte etwa ein CO2-Preis für einzelne Unternehmen, den Finanzmarkt und den Klimaschutz? Wie müsste dieser ausgestaltet sein, um das Klima besonders effektiv zu schützen und die Verluste gering zu halten? Wie reagieren Finanzmärkte auf die Risiken von „Stranded Assets“ und klimapolitische Signale? Und wie könnten schließlich sinnvolle Entschädigungsinstrumente für den Wertverlust aussehen? An allen diesen Fragestellungen arbeitet das Forschungsteam und entwickelt Lösungsvorschläge.

Dabei nimmt etwa Angelika Vogt auch bisher ungewöhnliche Ideen genauer in den Blick: „Mit den Modellen können wir uns mathematisch eine Welt ausdenken und anschauen, was passieren würde, wenn bestimmte klimapolitische Maßnahmen umgesetzt werden würden.“ In ihren Modellen analysiert sie die Auswirkungen von sogenannten Depositenmärkten. Auf ihnen verhandeln Länder über die Extraktionsrechte fossiler Reserven. Ein Land kann beispielsweise das Recht zur Extraktion von Kohle in einem anderen Land kaufen und dem Klimawandel entgegenwirken, indem es diese Kohle unter der Erde lässt. Wie würde sich damit der Profit von Kohleunternehmen in den jeweiligen Ländern verändern? Und wie würde diese Maßnahme auf den Gasmarkt wirken? „Diese angebotsbasierte Klimapolitik ist bisher wenig erforscht“, erklärt Angelika Vogt, die deshalb viele Stunden am Computer verbringt, neue Modelle entwickelt und die vielen kleinen Puzzleteile zu einem Gesamtbild zusammenfügt.

Forscherin Angelika Vogt, Foto: Falk Weiß

Unternehmen und Banken wollen Planungssicherheit

Auf den Finanzmärkten ist das Thema längst angekommen, weiß Achim Hagen. Investorinnen und Investoren wappnen sich gegen das Risiko von „Stranded Assets“. Vor allem Versicherer, die große Mengen an Kapital verwalten und es sehr langfristig anlegen, sind darauf bedacht, ihr Risiko klein zu halten. Erste Auswertungen der Forschungsdaten zeigen, dass klimapolitische Ankündigungen schon heute kleine Erdbeben auf dem Finanzmarkt auslösen können. Wenn gleichzeitigt zahlreiche Unternehmen an Wert verlieren und viele Kredite ausfallen, wird das zu einem Problem für Finanzmärkte.

Umso wichtiger sei deshalb „eine stringente Klimapolitik, die langfristig angekündigt und verbindlich eingehalten wird“, betont Achim Hagen. Denn nur dann könnten Investorinnen und Investoren sich darauf verlassen, keine bösen Überraschungen zu erleben. Turbulenzen auf den Finanzmärkten lassen sich vermeiden, wenn die Marschroute und das Ziel klar sind. „Unternehmen denken längerfristig und nicht in Legislaturperioden.“

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