Expedition: Umweltgerechtigkeit
Projektname: GreenEquityHealth

Projektlink


Grünflächen und Parks bieten hitzegeplagten Städtern im Sommer Kühlung und Erholung. Warum das so ist, hat die Städtökologin Nadja Kabisch in Leipzig erforscht. Doch nicht jeder hat einen Park vor der Haustür, das Grün ist in der Stadt ungleich verteilt – nicht nur in Leipzig, auch in Berlin.

Stadtpark; Foto: Falk Weiß

Ob Berlin, Leipzig, Hamburg oder Köln, in den Großstädten bot sich Ende März 2020, als die ersten coronabedingten Ausgangssperren griffen, überall das gleiche Bild: leere Innenstädte, leere Fußgängerzonen und Einkaufszentren – dafür umso mehr Spaziergänger in den städtischen Parks. Wer in der Nähe eines Parks wohnt, konnte sich glücklich schätzen. „Wir haben gesehen, wie wichtig die Grünflächen sind“, sagt die Stadtökologin Nadja Kabisch. Sie erforscht, welche Rolle das Grün in der Stadt spielt: für das Klima und für das Wohlergehen ihrer Bewohnerinnen und Bewohner.

Klimawandel und Zuzug in die Städte erhöhen die Belastungen


„Das Leben in der Stadt ist ja nicht per se schädlich“, betont Kabisch. Städte böten meist umfangreichere Freizeit- und Bildungsangebote und eine bessere Gesundheitsversorgung als das Umland. „Aber das Stadtleben geht auch mit schädlichen Umwelteinflüssen wie erhöhten Schadstoffwerten in der Luft, Verkehrslärm, Hitze im Sommer und Stress durch Dichte oder auch durch soziale Isolation einher.“ Das alles belastet die Gesundheit. Und in den Großstädten hat sich die Lage in den letzten Jahrzehnten zugespitzt – der Klimawandel bringt länger anhaltende Trockenperioden und mehr Hitzetage mit Temperaturen über 30°C mit sich, und durch den Zuzug von Menschen in die Städte wird es voller und enger. Hier können Parks und Grünanlagen, Flüsse und Teiche oder auch Gemeinschafts- oder Kleingärten für Entlastung sorgen. „Dieses ‚Blau‘ und ‚Grün‘ in der Stadt fördert und schützt die Gesundheit der Bewohnerinnen und Bewohner, insbesondere wenn es fußläufig erreichbar ist“, sagt Kabisch. „Schon ein kurzer Aufenthalt von 20 bis 30 Minuten reduziert Stress und fördert die Konzentration (Fachartikel).“

Neue und alte Parks kühlen


Auch Leipzig gehört zu den boomenden Städten in Deutschland: Zwischen 2011 und 2019 ist die Einwohnerzahl um 16 Prozent auf 593.000 angestiegen. Die Stadt in Sachsen wächst rasanter als die Hauptstadt Berlin. In zwei Leipziger Parks haben Nadja Kabisch und ihr Team im Rahmen des BMBF-geförderten Projekts „GreenEquityHealth“ untersucht, wie genau Menschen das Stadtgrün nutzen und davon profitieren. Während der Sommerhitze in den Jahren 2018 und 2019 wurden die Daten erhoben: zum Klima in den Parks, zu den Aktivitäten der Besucherinnen und Besucher und zu deren Wohlbefinden und Gesundheitszustand. „Im Friedenspark mit altem Baumbestand lagen die Temperaturen bis zu 5 Grad niedriger als in den angrenzenden Straßen“, berichtet Kabisch. Dieser Kühlungseffekt entsteht, weil die Pflanzen im Park Wasser verdunsten und Schatten spenden. In dem auf einem ehemaligen Bahnhofsgelände neu angelegten Lene-Voigt-Park mit seinen vielen offenen Flächen war das tagsüber zwar weniger stark zu beobachten, dafür gab der Ort nachts besser Wärme ab, wodurch angrenzende Wohnhäuser abkühlen konnten. Weil Tagestemperaturen ab etwa 30 Grad und ‚tropische Nächte‘, in denen das Thermometer nicht unter 20 Grad sinkt, außerordentlich belastend für das Herz-Kreislauf-System sind, profitieren Parkbesucher und Anwohner im Sommer und insbesondere in der Nacht von diesem Kühlungseffekt.

Infografik: Pia Bublies

Messbare Entspannung

Kabischs Team befragte in den Leipziger Parks diejenigen, die besonders unter der Hitze leiden: ältere Menschen. Sie zählen, so wie Kinder oder auch Menschen mit geringem Einkommen, zu den „vulnerablen Gruppen“. „Diese Stadtbewohner können sich aufgrund ihrer physischen oder auch sozialen Möglichkeiten teilweise weniger gut an solche Extremsituationen anpassen“, erklärt Kabisch. Wie die Befragung ergab, suchten ältere Menschen die Parks in erster Linie auf, um sich zu erholen und zu entspannen. Sie schätzten die schattigen Bereiche unter den Bäumen und somit die Kühlungsfunktion der Parks. Und die Erhebung bestätigte, dass sich der Parkbesuch für die Probanden lohnte: Ihre Gefühlslage beschrieben sie während des Aufenthalts im Park als weniger gereizt im Vergleich zum Spaziergang entlang der angrenzenden, stark befahrenen Straßen. Und auch die Ergebnisse der Blutdruck- und EKG-Messungen deckten sich mit ihrer subjektiven Einschätzung. „Der Aufenthalt im Park hatte eine protektive Wirkung auf die kardiovaskuläre Gesundheit“, resümiert Nadja Kabisch. „Die Ergebnisse haben unsere Hypothesen weitgehend bestätigt.“

Grün ist für alle da – aber nicht für alle gleich gut zugänglich

Mauerpark; Foto: Falk Weiß

Doch der Zugang zu Grünflächen ist in Großstädten nicht für alle gleich gut. In Berlin beispielsweise, das verzeichnet der Umweltatlas der Berliner Senatsverwaltung, ist nur rund die Hälfte der Bevölkerung gut oder sehr gut versorgt, ein Viertel mittelmäßig, aber 28 Prozent schlecht oder sehr schlecht. Mit anderen Worten: Mehr als ein Viertel der Berliner hat kaum Grünflächen in der Nähe der Wohnung. Das ist etwa in Teilen von Wedding oder Neukölln der Fall. Gerade solche Stadtgebiete mit sehr dichter Bebauung und hoher Einwohnerdichte sind vergleichsweise schlecht mit Grünflächen versorgt. Das lässt sich auch für einige innerstädtische Ortsteile von Leipzig feststellen. Hier steht den Bewohnern weniger als die zehn Quadratmeter Grünfläche pro Kopf zur Verfügung, die die Stadtverwaltung als Minimum vorsieht.

„Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Zugang zu Grünflächen und Gesundheit “, sagt Kabisch. „Und Umweltgerechtigkeit heißt hier, dass man diese positiven Umweltwirkungen, die ‚environmental goods‘, allen Stadtbewohnern gleichermaßen zur Verfügung stellen sollte.“ Ihre Aufgabe als Wissenschaftlerin sieht sie deshalb nicht nur darin, Studien wie die in Leipzig durchzuführen, sondern die Erkenntnisse auch dorthin zu tragen, wo sie etwas bewirken: zu den Behörden und Stadtplanern. Sie können ihre Grünflächenplanungen dadurch besser an den Bedarf anpassen – damit in den schnell wachsenden Großstädten alle zu ihrem Recht auf Grün kommen.



Hinterhof; Foto: Falk Weiß

Diese Seite wurde zuletzt am Mittwoch, 17. Februar 2021, 17:15 Uhr verändert.