Globus im Schatten, Foto: Falk Weiß

Am 5. Mai haben die Einwohner*innen Deutschlands so viele Ressourcen verbraucht, wie die Erde pro Person im gesamten Jahr erneuern kann. Am 6. Mai folgt Japan, am 7. Mai Frankreich, bereits am 14. März erreichten die USA ihren Earth Overshoot Day, China folgt am 7. Juni. Das alles hat das Global Footprint Network auf Basis von Daten der Vereinten Nationen errechnet.

Vom Morgen des 6. Mai 2021 an leben wir in Deutschland also über unsere Verhältnisse. Mit jedem Stück Toilettenpapier, das wir benutzen, jeder Sekunde, die der Wasserkocher läuft, jedem Meter Straße, der gebaut wird, jedem Kilometer, den wir im Fahrzeug zurücklegen, jedem Lebensmittel, das wir kaufen, zerstören wir unsere Lebensgrundlage.

Weltweit gesehen reicht das Ressourcenbudget rechnerisch noch bis zum 22. August. Weil anderswo weniger konsumiert und sparsamer gewirtschaftet wird als in Deutschland und den anderen reichen Industrieländern. Trotzdem verbraucht die Weltbevölkerung zusammen weit mehr, als die Erde in diesem Jahr wiederherstellen und somit nachhaltig zur Verfügung stellen kann. Ausgeglichen war der weltweite Ressourcenhaushalt zuletzt 1971, also vor 50 Jahren.

Infografik: Pia Bublies

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Wie finden wir zurück zu einem Gleichgewicht, zum nachhaltigen Wirtschaften und Konsumieren? Wer kann dabei helfen, den Ressourcen-Haushalt wieder auszugleichen? Und was würden Sie persönlich tun? Hier die Ergebnisse der Umfragen, die wir kurz vor dem Erdüberlastungstag gestartet haben. Per Twitter (@humboldts17) und per Instagram (@humboldt.uni):

Frage 1: Wie erreichen wir wieder einen ausgeglichenen, nachhaltigen Ressourcenverbrauch? Die deutliche Mehrheit von 66% sieht politische Entscheidungen als Grundlage. Dagegen halten nur 4,2% allein individuelles Handeln für den richtigen Weg. Die Stimen der Instagram-Umfrage daneben, hier ear die Zahl der Skeptiker (it´s too late) deutlich grösser:
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Frage 2: Wozu wären Sie persönlich bereit, um die Ressourcen unseres Planeten zu schonen und nachhaltiger zu leben? Bei Twitter sieht das so aus: Der Umzug in eine kleinere Wohnung wäre keine Option (0%), gleichauf liegen mit je 38,7% der Verzicht auf Fleisch und die Einschätzung "Ich lebe bereits nachhaltig". Etwas anders das Bild bei Instagram: Hier gab es einige, die umzihen würden und mit weitem Abstand lag die Option "kein fleisch essen" vorn:

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und Frage 3: Im Jahr 2021 hat Deutschland seine natürlichen Ressourcen für 2021 aufgebraucht. Wann schaffen wir wieder die Nachhaltigkeit, wann kann der Erdüberlastungstag abgeschafft werden? Diese Umfrage ging mehrheitlich an die Optimisten, sowohl bei Twitter, als auch bei Instagram, auch wenn jede*r Dritte nicht daran glaubt, dass wir die Umkehr zur Nachhaltigkeit erreichen werden:

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Vielen Dank allen Umfrageteilnehmer*innen, die präzisierten Ergebnisse nach Umfrage-Ende folgen. Wir haben die Frage natürlich auch Wissenschaftler*innen hier an der Humboldt-Uni gestellt:

"Schaffen wir es, den Ressourcen-Haushalt wieder auszugleichen - und wie konkret kann die Wissenschaft dabei helfen?“ Hier einige Antworten:


Prof. Dr. Jonas Østergaard Nielsen
Geographisches Institut
& IRI THESys
"Nein, innerhalb der nächsten Jahre wird das nicht gelingen. Aber hoffentlich im Laufe der nächsten Jahrzehnte. Das hängt aber nicht von der Wissenschaft ab, sondern vom politischen Willen. Die Daten, die die Wissenschaft vorgelegt hat, auch die zum Erdüberlastungstag, sind schon Anlass genug zu handeln. Weitere Belege dafür, dass unsere Art zu leben nicht nachhaltig ist, sind unnötig. Was wir brauchen ist eine mutige Politik und Mut zu handeln. Und dazu können Wissenschaftler*innen tatsächlich beitragen: indem sie sich stärker in die gesellschaftliche Debatte einmischen. "
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Prof. Dr. Werner Kloas Institut für Biologie, Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)
"Wir müssen es schaffen den Ressourcen-Haushalt auszugleichen, was durch eine clevere Kopplung von Wasser- und Energieverbrauch und Nahrungsmittelproduktion (Water-Food-Energy-Nexus) auch erreicht werden kann. Konkret wird dies im Bereich der Lebenswissenschaften an mehreren Projekten zum Thema nachhaltige Nahrungsmittelerzeugung erforscht, von denen mir persönlich besonders das interdisziplinär angelegte Konsortium CUBES Circle gefällt, da es innovative Agrarsysteme der Zukunft bis hin zur Anwendung bringt."
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Dr. Carl-Friedrich Schleußner Geographisches Institut
"Wie eine vielköpfige Hydra bedroht die Erdüberlastung als komplexe wie existentielle Herausforderung die Menschheit. Und wie die Köpfe der Hydra wachsen für jedes Problem, das wir in Isolation glauben gelöst zu haben, zwei neue.
Für den Befreiungsschlag zur nachhaltigen Transformation brauchen wir daher Lösungen auf der politischen, technischen und gesellschaftlichen Ebene gleichzeitig. Wissenschaftliche Erkenntnis ist dabei unser schärfstes Schwert."
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Prof. Dr. Stefan Müller
Institut für deutsche Sprache und Linguistik
"Ein großer Beitrag kann von allen Wissenschaftler*innen geleistet werden, indem sie ihr Reiseverhalten ändern.
Mehr Zug statt Flug und wenn möglich Reisen ganz vermeiden. Dinge, die online erledigt werden können, sollten online erledigt werden.
Wann wir Klimaneutralität erreichen werden, kann ich nicht vorhersagen, da es von vielen Faktoren abhängt, wie zum Beispiel Sanierung von Gebäuden, aber wir können im Bereich Verkehr und Reisen alle viel dazu beitragen."
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Prof. Dr. Sonoko Dorothea
Bellingrath-Kimura
Professorin für Landnutzungssysteme
"Um nachhaltig zu werden, müssen wir unseren Lebensstil an
a) nach Corona,
b) den Klimawandel und
c) die Ressourcenkapazität anpassen.
Wissenschaft kann dazu beitragen, die komplexen Zusammenhänge zu erklären und Entscheidungsunterstützung zu liefern.
Die Wissenschaft hat die Verantwortung, die Forschungsergebnisse dafür
verständlich bereitzustellen."
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Franz Schug Doktorand, Geographisches Institut
"Der Ausgleich des Ressourcen-Haushalts kann nur gelingen, wenn Ressourcen im Alltag sichtbarer werden - und zwar bei jedem Verbrauch. Das erfolgt praktischerweise über den Preis, der den ökologischen Impact eines Verbrauchs repräsentieren sollte. Individuelles Handlungsbewusstsein und die Verbraucherentscheidung sind hier zwar wichtig, aber allein können sie keinen Kurswechsel herbeiführen. Wesentliche Korrekturen können nur systematisch erfolgen. Noch sehe ich diese Bemühungen aber nicht ausreichend. Die Wissenschaft kann hierzu Handlungsoptionen als Entscheidungsgrundlage für die Politik erarbeiten."
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Prof. Dr. Jörg Niewöhner Direktor des IRITHESys
"Wir schaffen das - das war im Sommer der Migration in 2015 richtig und es ist auch heute am Beginn des Anthropozäns richtig. Natürlich können wir den globalen Ressourcenhaushalt ausgleichen. Dazu brauchen wir eine Wissenschaft, die mit ihren Beiträgen hilft, Infrastrukturen, Märkte und Verwaltung so zu gestalten, dass sie die sozialökologische Wende befördern. Wir brauchen aber auch eine Wissenschaft, die mit Gesellschaft in ihrer ganzen Breite darüber diskutiert, was für sie die Dinge von Belang sind und sein werden. Wie wollen und wie können wir zusammenleben - das ist eine Frage, die Gesellschaften mit Hilfe einer offenen Wissenschaft für sich beantworten können und werden. Ich wäre überrascht, wenn es uns nicht bis 2030 gelingt, den Trend zu einem immer früheren overshootday umzukehren."
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Zum Erdüberlastungstag hat sich auch die Kommission Nachhaltige Universität (KNU) mit der Frage befasst, wie wir den Ressourcen-Haushalt wieder auszugleichen können - und wie konkret die Wissenschaft dabei helfen kann:

Unser enormer Ressourcenverbrauch gefährdet die Lebensgrundlage heutiger und zukünftiger Generationen. Um dies zu ändern, brauchen wir einen deutlichen Wandel in unserem Alltag. Dass wir als Gesellschaft zu einem derartigen Wandel in der Lage sind, zeigt unser Umgang mit der aktuellen Pandemie: Innerhalb kürzester Zeit änderten wir unsere Handlungen und Gewohnheiten auf Basis wissenschaftlich begründeter Empfehlungen. Nun ist es an der Zeit, dass wir auch unsere Ressourcenverschwendung als eine akute Gefahr für alle Lebewesen und nicht mehr nur als ein diffuses, in weiter Ferne liegendes Problem wahrnehmen. Wir müssen entschlossen handeln. Die Wissenschaft unterstützt uns auf diesem Weg auf unterschiedliche Weise: Wissenschaftler*innen entwickeln technische Innovationen, um unseren Ressourcenverbrauch zu verringern. Sie zeigen auch dringend erforderliche Möglichkeiten auf, wie wir durch Verhaltensänderungen sparsamer mit unseren Ressourcen umgehen können. Um diese Verhaltensänderungen umzusetzen, braucht es auch die politische Gestaltung von Rahmenbedingungen für einen nachhaltigeren Umgang mit knappen Ressourcen. Dabei dürfen Wissenschaftler*innen noch mutiger sein, ihre Erkenntnisse in klaren Worten mit der Gesellschaft zu teilen.

Hier bei humboldts17.de finden Sie weitere konkrete Ideen und Analysen von Forschenden der HU für den Wandel hin zu einer nachhaltig wirtschaftenden Gesellschaft:

Erdüberlastungstag, Foto: Falk Weiß

Übrigens: Wer seinen ganz persönlichen Erdüberlastungstag berechnen möchte,kann dies hier tun.

Diese Seite wurde zuletzt am Donnerstag, 06. Mai 2021, 11:10 Uhr verändert.